Frage:
Bürkner schreibt in seinem Bericht über einen Teil der Tests: "Auf Ten Drugi mußte ich Piaffe und Passage mit Übergängen sowie à tempo Wechsel im versammelten Galopp auf der Volte zeigen." Das Turnier fand 1909 statt? Bezieht sich der Autor auf fliegende Wechsel auf der Volte oder etwas anderes (für den Fall, daß sich die Sprache seitdem geändert at?)?
Antwort:
Es scheint, daß die Reiter Einerwechsel auf der Volte zeigen mußten, obwohl Bürkner die Größe der Volte nicht explizit angibt. Ich mußte das auch zweimal lesen, da es mich erstaunte. Tempowechsel auf dem Zirkel sind extrem schwierig und je kleiner der Zirkel, bzw. die Volte ist, desto schwieriger wird die Anforderung. Ten Drugi war eines von Oskar Stensbeck's Pferden. Stensbeck selbst wurde 1858 als Sohn eines Berufsreiters geboren. Als er noch aufs Gymnasium ging, bildete er schon unter Aufsicht seines Vaters Pferde für den Zirkus aus und verkaufte sie an die verschiedenen Zirkusunternehmen. Während der 20er und 30er Jahre bildete er mehrere Pferde für Olympiareiter aus, und er war einer der Ausbilder der Heeresreit- und -fahrschule, die in den 30er Jahren von Hannover nach Krampnitz bei Berlin verlegt wurde. Felix Bürkner war der letzte Kommandeur der Schule.
Frage:
Das wäre nur 32 Jahre nach Baucher. Wenn Baucher die à tempo Wechsel erfand, wie das in der Literatur beschrieben ist, wann wurden sie in Deutschland eingeführt- innerhalb der 30 Jahre?
Antwort:
Ich kenne den genauen Zeitrahmen nicht. Aber Sie wissen ja, wie die Leute sind. Sobald jemand einen neuen "Trick" erfindet oder eine neue Leistung erbringt, müssen es andere gleich nachmachen. Ich bin sicher, daß Reiter in ganz Europa die Einerwechsel zu reiten versuchten, sobald Baucher die ersten à tempo Wechsel in der Öffentlichkeit zeigte. Es gab wahrscheinlich nicht viel Widerstand gegen diese Lektion im reiterlichen Mainstream. Ich weiß eigentlich nur von Einwänden von einigen Oberbereitern der Spanischen Reitschule aus akademischen Gründen, da kein kompletter Galoppsprung zwischen den fliegenden Wechseln stattfindet, so daß die Einerwechsel fast eine neue Gangart darstellen, die dem Paß im Galopp verwandt sind.
Frage:
Sylvia Loch schreibt in 'Dressage', daß Steinbrecht mit dem Zirkus involviert war. Hat er sich in dieser Periode von Seeger losgesagt?
Antwort:
Viele Leute wissen heute nicht meht, daß der Zirkus im 19. Jahrhundert die meisten Arbeitsstellen für zivile Schulreiter bereithielt. Die aristokratischen Reitschulen waren weitgehend geschlossen oder doch stark reduziert, teils aufgrund des finanziellen Abschwungs nach den Napoleonischen Kriegen und teils aufgrund der sogenannten "Anglomanie", einer Modeerscheinung, die Galopprennen, Steeple chasing und Fuchsjagden an die Stelle der akademischen Dressurarbeit setzte. Steinbrecht bildete Pferde für den Zirkus aus und verkaufte sie an die großen Zirkusunternehmen im In- und Ausland, und sogar in die USA.
Wie Oskar Stensbeck's Karriere zeigt, gab es eine direkte Entwicklungslinie von der Zirkusreiterei zur Turnierreiterei. So viel ich weiß, hat Gustav Steinbrecht nie mit seinem Lehrer Louis Seeger. Er war übrigens mit einer Nichte Seeger's verheiratet. Er baute auf Seeger's Methode auf und entwickelte sein eigenes System, aber ich glaube nicht, daß er Seeger's Methode ablehnte - und natürlich folgte er Seeger in seiner Kritik an Baucher.
Thomas Ritter