Ich habe mich entschieden, die Arbeit an der Longe in meinem Blog anzusprechen, weil die Longiererei, die man im allgemeinen sieht, von sehr schlechter Qualität, gedankenlos und oft geradezu gesundheitsschädlich für die Pferde ist. Leider finden die meisten Reiter das Longieren langweilig und haben kein Interesse daran, ihre Kenntnisse in dieser Hinsicht zu verbessern, obwohl sie die Ausbildung ihrer Pferde mit korrektem Longieren sehr fördern könnten und obwohl andererseits schlechtes Longieren der Gesundheit und der Ausbildung des Pferdes sehr zum Nachteil gereicht.
In diesem Eintrag möchte ich einige Bemerkungen zu Kästner’s Kapitel über das Longieren machen. Vorab sei kurz festgestellt, daß Kästner den Zirkel als Volte bezeichnet. Man darf ihn nicht mißverstehen und annehmen, daß er tatsächlich auf einer kleinen Volte longiert. Es ist nur eine terminologische Besonderheit. Die Longenarbeit soll immer auf einem hinreichend großen Zirkel stattfinden und das Tempo muß dem Durchmesser des Zirkels angepaßt sein. Ist das Tempo für die Größe des Zirkels zu hoch, dann wird das Pferd an den Beinen Schaden nehmen. Leider sieht man immer wieder Reiter, die ihre Pferde an der Longe jagen, um sie müde zu machen. Das verfehlt den Sinn der Longenarbeit und macht die Pferde lahm. Die Zentrifugalkräfte greifen die Pferdebeine an, wenn das Tempo zu hoch ist. Wenn das Pferd dazu noch unausbalanciert ist, was in diesen Situationen immer der Fall ist, dann verschlimmert dies die Lage beträchtlich. Abgesehen davon kann man von einem müden Pferd keine hohe Leistung und keine Qualitätsarbeit erwarten. Dieses Herumjagen ist also immer ein Zeichen von Inkompetenz und mangelndem Verständnis.
Kästner betont die Einheit der Arbeit, d.h. daß alle Formen der Ausbildung denselben Prinzipien folgen müssen, um das Pferd nicht zu verwirren. Sie müssen sich alle gegenseitig ergänzen und auf einander aufbauen, ganz gleich ob es sich um die Arbeit unter dem Sattel handelt, oder um das Longieren, die Handarbeit, die lange Zügelarbeit oder die Pilarenarbeit. Gleichgewicht und Geschmeidigkeit sind die Eckpfeiler der Dressur, und alle Varianten der Arbeit müssen diesen Zielen dienen. Daher muß das Pferd an der Longe lernen, eine gleichmäßige Zirkellinie in einem gleichmäßigen Tempo abzugehen, was dann zu einer gleichmäßigen Anlehnung an der Longe führt. Kästner bezeichnet die gleichmäßige Anlehnung als die Seele der Reiterei. In diesem Sinne kann die Longenarbeit das Fundament für die weitere Dressur unter dem Reiter legen. Ist dem Pferd das Einhalten der Zirkellinie und des Tempos zur zweiten Natur geworden, dann ist es auch für den Reiter nicht schwer diese Regelmäßigkeit der Bewegungen unter dem Sattel zu erzielen. Das Longieren soll dem Pferd also helfen, sein Gleichgewicht zu finden. Das erzieht das Pferd auch zur ständigen Aufmerksamkeit auf den Reiter und die Hilfen. Man kann dem Pferd an der Longe bereits eine gewisse Arbeitsmoral beibringen und ein positives Verhältnis zwischen Reiter und Pferd etablieren, auf dem man dann bei der Arbeit unter dem Sattel aufbaut.
Die Longenarbeit ist auch eine Kunst für sich. Aus diesem Grund betont Kästner, daß der Ausbilder ein erfahrener und gebildeter Reiter sein muß, der die Prinzipien der Dressurausbildung versteht. Beim Anlongieren junger Pferde und bei der Korrektur verdorbener Pferde benötigt man, wie Kästner beschreibt, bis zu vier Leute. In den meisten Fällen wird man mit zwei auskommen. Ein Ausbilder, der ein gutes Gefühl für die Anlehnung und den richtigen Zeitpunkt der Hilfengebung besitzt, steht im Mittelpunkt des Zirkels und hält die Longe. Er gibt Paraden, wenn das Pferd im Tempo zu schnell wird; er biegt das Pferd ab, wenn es sich im Hals und Genick verspannt, er kann den Zirkel erweitern, wenn das Pferd nach innen drängt und er kann das Pferd wenden, wenn es den Zirkel verlassen will. Die Hilfen mit der Longe zielen auf das innere Beinpaar, d.h. sie werden gegeben, wenn eines der inneren Beine sich am Boden befindet. Es empfiehlt sich oft, Serien von Zügelhilfen zu geben, die mit dem inneren Hinterbein enden, um es zu biegen und das Tempo zu regulieren. Die letzte Hilfe kann länger und stärker ausfallen als die anderen.
Der Longenführer muß seine Bauch- und Rückenmuskeln genauso anspannen wie beim Reiten, und die Hand muß vom Kreuz abgesichert sein, um durchgehen zu können. Oberarm und Ellbogen sollen zu diesem Zweck am Oberkörper anliegen und das Handgelenk muß locker und entspannt sein. Sind die Bauch- und Rückenmuskeln zu weich und das Handgelenk steif, dann wird das Pferd oft nicht auf dem Zirkel bleiben, sondern nach innen drängen und kein regelmäßiges Tempo einhalten.
Kästner empfiehlt, daß der Longenführer selbst den Takt der Bewegung des Pferdes mitmacht, wenn er einen kleinen Kreis beschreibt. Ich halte das nicht für praktisch, vor allem im Galopp. Es ist im allgemeinen besser, wenn man im Mittelpunkt des Zirkels bleibt und sich um den inneren Absatz oder die innere Fußspitze dreht.
Der zweite Ausbilder hält die Peitsche und führt das junge Pferd anfangs im Schritt auf die Zirkellinie. Wenn das Pferd dort gelassen neben bem Ausbilder hergeht, dann entfernt er sich langsam zum Mittelpunkt des Zirkels, während das Pferd auf der Zirkellinie bleibt. Er muß ein gutes Gefühl für die Handhabung der Peitsche haben, damit er das Pferd nicht aus Ungeschicklichkeit damit erschreckt, was man leider immer wieder beobachten kann. Manchmal empfiehlt es sich, das Pferd eine kurze Zeit auch im Trabe auf der Zirkellinie zu führen, bevor man sich nach dem Mittelpunkt zurückzieht.
Die Peitsche muß wie eine Verlängerung des eigenen Armes behandelt werden, wobei sich die Bewegungen bis zum Ende des Peitschenschlages fortsetzen müssen. Langsame, großrahmige Bewegungen sind besser geeignet als kurze, schnelle Bewegungen. In den meisten Fällen genügt schon ein leichtes Anheben der Peitsche als treibende Hilfe. Die nächst stärkere Hilfe ist ein lockeres Schwingen des Peitschenschlages von hinten nach vorne. Bei faulen oder unaufmerksamen Pferden kann es gelegentlich auch einmal notwendig werden, das Pferd mit dem Peitschenschlag leise zu berühren. Das Knallen der Peitsche sollte man vermeiden, insbesondere wenn andere Pferde in der Bahn sind, da dies die Pferde oft nervös oder ängstlich macht. Sie verspannen sich dann und fangen an zu eilen.
Wenn eine treibende Hilfe erteilt wird, muß die Longe den vermehrten Schub aus der Hinterhand auffangen und durch richtig abgestimmte Paraden in Hankenbiegung umsetzen, damit die treibende Hilfe nicht einfach in einem schnelleren Tempo resultiert.
Bei schwierigen Pferden kann es manchmal helfen, wenn der Peitschenführer hinter dem Pferd hergeht und ein weiterer Gehilfe das Pferd am Kappzaum führt. Das ermöglicht ein effektiveres Treiben bei Pferden, die sich stark verhalten. In anderen Fällen braucht man einen oder zwei Gehilfen außen an der offenen Zirkelseite, um das Pferd daran zu hindern, den Zirkel zu verlassen. Solche Schwierigkeiten treten im allgemeinen nur bei Pferden auf, die von ungeschickten Reitern longiert worden sind und schlechte Angewohnheiten angenommen haben.
Pferde, die im Roundpen gearbeitet wurden, rennen meist kopflos davon, ohne auf den Ausbilder zu achten und ohne sich im Tempo regulieren zu lassen. Wenn man dann endlich ihre Aufmerksamkeit gewinnt, bleiben sie abrupt stehen und drehen um. Bei rohen Pferden kommen solche Fehler eigentlich nie vor.
Je besser das Pferd seine Aufgabe versteht und je mehr es sein Gleichgewicht findet, desto mehr kann der Peitschenführer zum Mittelpunkt des Zirkels kommen und schließlich die Peitsche an der Longenführer abgeben.
Man sollte zum Longieren immer einen Kappzaum verwenden. Leider sind die meisten im Handel erhältlichen Kappzäume so dick gepolstert, daß sie den meisten Pferden nicht passen und die Hilfen verschlucken anstatt sie ans Pferd weiter zu leiten. Das Longieren am Stallhalfter ist vollkommene Zeitverschwendung, da man auf das Pferd nicht einwirken kann. Man sollte die Longe auch nicht in die Trense einschnallen, da sie dort ebenfalls nicht richtig wirken kann.
Zum richtigen Longieren gehört auch ein Longiergurt mit möglichst vielen Ringen, die ein variables Einschnallen der Ausbinder erlauben. Der Longiergurt sollte über den Sattel gelegt werden, damit der Sattel den Longiergurt am Verrutschen hindert.
Ausbinder sollten weder zu hoch noch zu niedrig am Longiergurt angebracht werden. Wenn man sie zu niedrig verschnallt, dann ziehen sie das Pferd auf die Vorhand und der Zweck des Longierens, nämlich das Herstellen des Gleichgewichts, ist verfehlt. Aus diesem Grunde sollte man auch nie Hilfszügel zwischen den Vorderbeinen des Pferdes einschnallen. Wiener Zügel werden an den seitlichen Ringen des Longiergurtes eingeschnallt, durch die Trensenringe geführt und dann entweder im mittleren Ring des Longiergurtes oder in den oberen seitlichen Ringen angebracht. Je höher die Hilfszügel eingeschnallt werden, desto mehr richten sie das Pferd auf. Die beste Einstellung muß jeden Tag aufs Neue vom Ausbilder ermittelt werden.
Kästner empfiehlt, das Pferd mit den Trensenzügeln so auszubinden, daß es leicht nach innen gebogen ist. Der innere Zügel wird dabei im obersten Ring, in der Mitte des Longiergurtes, eingeschnallt, während der einrahmende äußere Zügel im danebenliegenden äußeren Ring eingeschnallt wird. Zusätzlich dazu verwendet Kästner die Kappzaumzügel, wobei er den inneren Kappzaumzügel im inneren Ring des Longiergurtes einschnallt, um das Pferd damit ebenfalls zu biegen. Der äußere Kappzaumzügel wird in den äußeren Ring des Longiergurtes eingeschnallt, aber so lang gelassen, daß er ohne Wirkung bleibt. Das ist eine interessante Variante. Ich selbst verwende meist Ausbinder von gleicher Länge, die ich in die Trensenringe einschnalle. Die Biegung erhält das Pferd durch die Wechselwirkung von treibenden und verhaltenden Hilfen. Die Länge der Ausbinder muß ebenfalls jeden Tag aufs Neue geprüft werden. Sind sie zu lang, dann kann das Pferd mit den Unterhalsmuskeln die Longenhilfen blockieren. Sind sie jedoch zu kurz, kann das Pferd den Hals nicht als Balancierstange benützen. Manche Pferde werden dann klaustrophobisch und können sich überschlagen. Daher ist es der geringere Fehler, wenn man die Ausbinder etwas zu lang läßt.
Im 19. Jahrhundert war es weitgehend üblich, mit Aufsatzzügeln und Ausbindern zu longieren, um dem Pferd den Grad der Aufrichtung und Beizäumung genau vorzuschreiben. Mir erscheint das jedoch zu unflexibel zu sein und das Pferd zu sehr einzuzwängen.
Hilfreich sind Kästner’s Erklärungen der Hilfen. Er verwendet einen rückwärts-aufwärts gerichteten Anzug der Longe als halbe Parade, womit er die Zügelhilfe des Reiters im Sattel nachahmt. Es hat sich in der Praxis auch sehr bewährt, biegende Longenhilfen als Paraden zum Verlangsamen des Tempos und zum Biegen des inneren Hinterbeines anzuwenden. Sequenzen von Hilfen, wie innerer Vorderfuß > innerer Vorderfuß > innerer Hinterfuß oder innerer Vorderfuß > innerer Vorderfuß > innerer Hinterfuß > innerer Hinterfuß eignen sich sehr gut dazu, das Pferd auszubalancieren und das Tempo zu regulieren. Dabei kann man sowohl die Dauer als auch die Intensität der Hilfe variieren. So kann eine Sequenz, die bestimmte Beine anspricht, gleichzeitig als kurz > kurz > lang (> lang) gegeben werden, oder als leicht > mittelstark > stark. Die Hebelwirkung des Halses intensiviert die Hankenbiegung, wenn man in dem Moment abbiegt, wenn der innere Hinterfuß sich am Boden befindet.
Wenn das Pferd nach außen aus dem Zirkel wegdrängt, gibt Kästner eine wendende Longenhilfe in dem Moment, wo der innere Vorderfuß am Boden, bzw. der äußere Vorderfuß in der Luft ist. Dadurch wird der äußere Vorderfuß dazu veranlaßt, im Bogen um den inneren herumzutreten und das Pferd wendet.
Wenn das Pferd nach innen in den Zirkel hineindrängt, wird die umgekehrte Hilfe verwendet. In dem Augenblick, wo der innere Vorderfuß in der Luft ist und der äußere sich am Boden befindet, kann man durch Schwingungen der Longe in Richtung auf das Pferd den inneren Vorderfuß zum Übertreten bringen, wodurch der Zirkel größer wird.
Was die Peitschenhilfen anbetrifft, so ist es ratsam, den Peitschenschlag und das Ende des Peitschenstockes auf dem Boden ruhen zu lassen, wenn man nicht treiben will. Das Deuten auf das innere Sprunggelenk mit der Peitsche, welches oft empfohlen wird, ist einerseits ermüdend für den Arm des Reiters und andererseits dem Klammerschenkel vergleichbar. Es ist eine permanente Hilfe, die manche Pferde anfangs ängstlich macht, die sie aber langfristig gesehen nur abstumpft. Die meisten Pferde lassen sich sehr gut auf das Anheben der Peitsche als treibende Hilfe abstimmen.
Wer das Longieren ernst nimmt und es gewissenhaft studiert, kann dabei sehr viel über sein Pferd und über die Dressur im allgemeinen lernen, er kann dadurch sein Auge schulen und sein Gefühl für die Hilfengebung stark verbessern. Es wäre zum Wohle der Pferde wünschenswert, wenn mehr Reiter sich bei dieser Arbeitsmethode größere Mühe gäben. Dann würde man auch nicht so oft von Tierärzten und Ausbildern die Meinung hören, daß Longieren gesundheitsschädlich für das Pferd ist.
Scheuen Sie sich nicht, mir Fragen und Kommentare zu schicken.
Thomas Ritter