Adolph Kästner, Fortsetzung:
Die Werkzeuge zum Longiren sind Kappzaum, Trense und Laufgurt.
Der Kappzaum muß nach der Nase geformt, und mit Rehleder gefüttert sein, damit er das Pferd nicht verletze und es nicht scheu vor ihm mache. An den Enden seines Bügels muß er Ringe haben, in welche man den Kinnriemen befestigt, damit dieser vor dem Trensengebisse so geschnallt werden kann, daß der Kappzaum eine ruhige Lage erhalte und die Trense wirke, ohne die Lefzen des Maules zu beschädigen. Die Lage des Kappzaumes darf weder zu hoch sein, weil er sonst an Wirkung verliert, noch zu niedrig, weil er sonst die freie Athmung hemmt und dem Pferde in jeder Art schmerzlich wird. Die Hörner des Kappzaumes, an ihren Enden rückwärts gebogen, dürfen weder zu lang noch zu kurz sein.
Das Gebiß der Trense besitze die hinlängliche Stärke.
Der Laufgurt mit breitem Deckel soll möglichst dahin zu liegen kommen, wo später die Sattelgurte ihre Stelle finden. Er muß drei Ringe haben, den einen genau in der Mitte des Deckels, die beiden anderen ihm nahe zur Seite.
Der innere Trensenzügel wird in den mittelsten Ring, welcher sich genau über der Mitte des Pferdes befinden muß, so eingebunden, daß er den Kopf um etwas hereinnimmt. Der äußere Trensenzügel wird in dem äußeren Ringe so weit angezogen und gebunden, daß das Pferd eine ganz grade, unverbogene Richtung erhält. Hierzu stellt sich der Longenführer vor dasselbe, er stellt es ganz grade, richtet Hals und Kopf und der Peitschenführer bindet aus.
Der innere Kappzaumzügel wird in den inneren bisher freigebliebenen Ring eingebunden, in der Art, daß durch ihn ebenfalls der Kopf hereingehalten wird. Den äußern Kappzaumzügel bindet man in den äußern Ring, in welchem sich der äußere Trensenzügel befindet, so ein, daß er ohne Wirkung bleibt.
Das der Volte entgegengesetzte und fehlerhafte Ausbinden nach auswärts hindert das Pferd am Buge nach der Voltenlinie, nöthigt zum Hereinlegen in dieselbe und zu falschem Gang, bindet die Schultern und macht sie endlich steif.
Vielfach bedient man sich beim Longieren der Aufsatzzügel, um den Hals zu erheben. In den seltensten Fällen aber wird dieses Verfahren ein vorbereitendes für die weitere Arbeit unter dem Reiter sein; denn man lehrt dem Pferde das Auflehnen auf die Zügel und das Festmachen des Genickes, und der Reiter hat sich sofort beim Besteigen desselben mit Fehlern zu beschäftigen, welche er selbst gelehrt hat.
Das übermäßige Aufsetzen aber überrichtet den Hals, d.h. es bringt denselben aus der erforderlichen Richtung zum Rücken, es macht das Genick fest, drückt die Schultern nieder und verbiegt sie, es macht Rücken und Hintertheil steif und die Lenden hoch.
Gesagtes gilt auch bei Anwendung des spanischen Reiters.
Mittelst der Longe kann der Führer folgende Haupthülfen geben:
- Zur Versammlung des Pferdes giebt die Hand der Longe, ohne nach der Brustseite rückwärts zu wirken, einen Aufzug aufwärts in ihrer Linie.
- Verläßt das Pferd die Anlehnung, d.h. legt es sich nach auswärts in die Longe, so wird dieselbe druckweise in ihrer Linie angenommen. Schwach wird diese Hülfe nur durch Biegung der Finger gegeben; stärker wird sie, wenn das Handgelenk theilnimmt; noch stärker wird sie, wenn sich der Unterarm betheiligt und die Hand zurückgeführt wird und wenn daher aus den Drucken ein Anzug wird. Die schwache wie die starke Hülfe muß in dem Moment gegeben werden, in welchem das Pferd mit dem inwendigen Vorderfuße niedertreten will, wodurch der äußere Vorderfuß, welcher jetzt auswärts von der Volte und abwärts von derselben mit der Schulter tritt (Fig. 52), zur zirkelförmigen Bewegung und der innere Hinterfuß zum Bei- und Untertreten veranlaßt wird (Fig. 51).
- Verläßt das Pferd die Anlehnung an die Longe und drängt es in die Volte, so wird dieselbe durch die Hand vor ihre Linie aufwärts gerichtet, und wenn diese Hülfe ungenügend ist, so wirkt sie druckweise, wie in 2) angegeben, jedoch abwärts von dem Führer nach dem Kappzaume und beim Auftreten des äußeren Vorderfußes, damit die innere Schulter, welche sich verhält, vor und auf die Voltenlinie tritt.
- Das Parieren des Pferdes erfolgt durch das Vortreten des Longenführers nach diesem zu mit der Hülfe 1, welche auch bei zu schnellem Tempo angewendet wird.
- Beim Zurücktreten des Pferdes muß sich der Longirende ganz grade vor demselben mit verkürzter Longe befinden; von hier aus hat er druck- und trittweise die Hülfe 3 mit der Hand gegen den Kappzaum zu geben und darauf zu achten, daß das Pferd auf ganz grader Linie zurücktrete.
Diese Hülfen, wie die später genannten mit der Peitsche, müssen zu ein- und demselben Zwecke immer die gleichen bleiben, damit das Pferd jederzeit und sofort den Longen- wie den Peitschenführer verstehe und in den Stand gesetzt werde den verlangten Gehorsam leisten zu können.
Der geehrte Leser wolle dem § 1 nochmals Beachtung schenken, welcher von der Anwendung des Systemes von der ersten Bearbeitung des Pferdes bis zu dessen vollkommener Ausbildung handelt. Die Longenarbeit muß daher nach demselben erfolgen, wenn sie eine vorbereitende Arbeit sein und mit der folgenden Arbeit übereinstimmen will. Was vom Sitze des Reiters gesagt ist, ist zum großen Theil auch für den Longirenden und auf dessen Standpunkt gültig, und was die Förderungen der Hand anbelangt, § 8, so muß er denselben ebenfalls entsprechen. Nicht minder hat er den §§ 21 und 27 zu entsprechen, wenn die Führung der Longe belehrend sein soll.
Die Einheit der Arbeit muß sich bei der ganzen Abrichtung, vom Anfang bis zum Ende derselben, bekunden und darum dürfen die Hülfen durch die Longe nicht grundverschieden von denjenigen sein, welche das Pferd später durch den Reiter erhalten soll, vielmehr müssen sie annähernd dieselben sein, insoweit dies durch die Longe möglich und thunlich ist. Wendet hierauf der geehrte Leser den vorangegebenen Hülfen beim Longiren nochmals seine Aufmerksamkeit zu, so wird er finden, daß dieselben ganz denjenigen Hülfen entsprechen, welche das Pferd erhalten muß, sobald es geritten wird.
Bei den Hülfen 1 und 4 zur Versammlung und zum Pariren soll die Longe aufwärts-rückwärts wirken; die Zügel des Reiters sollen zu denselben Zwecken dasselbe thun.
Die Hülfe 2 hindert das Drängen nach auswärts von der Volte durch druckweise Annahme der Longe beim Niedertreten des inneren Vorderfußes; der Reiter bringt das Pferd auf die Linie der Volte durch die Stellung des inneren Zügels zur Wendung nach innen unter druckweiser Wirkung des äußeren Zügels gegen den inneren beim Niedertreten des inneren Vorderfußes, wodurch die äußere sich verhaltende Schulter zum zirkelförmigen Treten veranlaßt wird.
Bei der Hülfe 3, wenn das Pferd in die Volte drängt, soll die Longe in dem Momente des Niedertretens des äußeren Vorderfußes aufwärts wirken; der Reiter führt das Pferd nach auswärts auf die Voltenlinie, indem er den äußeren Zügel verhält und den inneren aufwärts gegen seine äußere Schulter richtet und zwar auch in dem Momente des Niedertretens des äußeren Vorderfußes, um die innere Schulter, welche sich verhält, zu erweitern.
Beim Zurücktreten, Hülfe 5, wirkt die Longe grade rückwärts; die Zügel des Reiters sollen dasselbe thun.
Aus Gesagtem erleuchtet, daß die Longenarbeit erlernt sein will und nur von dem erfahrenen und geschickten Reiter mit dem Erfolge verrichtet werden kann, welchen sie haben soll.
Der Peitschenführer hat im Wesentlichen Folgendes zu beobachten und folgende Hülfen zu geben.
Er muß seine Volten ganz regelmäßig groß abgehen, gleichmäßig und ohne Stocken der Bewegung des Pferdes folgen, dasselbe und dessen Gang beständig im Auge haben und sich der Mitte desselben gegenüber befinden, wenn ihm Ausnahmen nicht vorschreiben weiter zurückzubleiben. Im Galop hat er gleichen Tritt mit dem Sprunge des Pferdes zu halten. Geht das Pferd die Gänge richtig und gut, so geht er die Volte unmittelbar an der Longe ab. Bei dem Pferde, welches zögernd geht, im Gange stockt, von selbst parirt, wird er dem Hintertheile gegenüber, auch sogar hinter demselben sein müssen, um angemessen helfen zu können.
Die Peitsche führt er in der Regel so gesenkt, daß die Schnur auf der Erde läuft.
Die Hülfen mit derselben zum Vortreiben bestehen in dem Erheben derselben, in dem Fallenlassen der Schnur auf die Mitte des Pferderückens, in dem Schmitzen derselben an der Erde, also ohne sie zu heben und ohne das Pferd zu treffen. Soll das Pferd pariren, so bleibt er stehen und nach der Parade begiebt er sich zum Longenführer, hinter welchem sein Stand jetzt und auch beim Zurücktreten ist.
Demgemäß muß der Peitschenführer, wenn er rechtzeitigen und guten Einfluß auf das Pferd und dessen Gänge haben und den Longenführer sachgemäß unterstützen soll, ebenfalls ein erfahrener Reiter sein.
Sämmtliche Verrichtungen des Longen- und Peitschenführers anzugeben, ist ebenso unmöglich wie unnütz; denn einerseits sind dieselben wie beim Reiten recht oft nur Gefühlssache und andererseits können sie theoretisch nicht erlernt werden.
Scheuen Sie sich nicht, mir Fragen und Kommentare zu schicken.
Thomas Ritter