Das Militär-Reitinstitut in Hannover war die Reitschule für Deutschlands reiterliche Elite. Nur die talentiertesten Offiziere wurden ausgewählt, um dort zwei Jahre lang ausgebildet zu werden. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Schule von Hannover nach Krampnitz bei Berlin verlegt, unter dem neuen Namen ‚Heeresreit- und Fahrschule‘. In ihrer letzten Inkarnation arbeiteten die besten zivilen Ausbilder, Otto Lörke, Oskar Stensbeck, und Richard Wätjen an der Schule, und die Olympiamannschaften in Dressur, Springen und Military wurden in Krampnitz trainiert. Viele der Schüler aus Hannover und Krampnitz wurden nach dem Krieg Spitzenausbilder und Richter, die den Sport in Deutschland dominierten: Willi Schultheis, Bubi Günter, Fritz Thiedemann, Horst Niemack, die Gebrüder Stecken, Egon von Neindorff und viele andere waren an der Schule versammelt. Deren Schüler wiederum setzten die Tradition bis heute fort, und so verdankt Deutschland seine internationalen Erfolge zu nicht geringem Anteil dem Fundament, das in Hannover gelegt wurde.
In den nächsten Blogeinträgen möchte ich einige Einblicke in die Philosophy und die tägliche Arbeit des Instituts geben, die den Memoiren des damaligen Leutnants Felix Bürkner describes entstammen. Er wurde 1906 für seinen zweijährigen Aufenthalt nach Hannover kommandiert. Jahre später kehrte er als Reitlehrer ans Militär-Reitinstitut zurück und wurde schließlich als Oberst Kommandeur der Heeresreit- und Fahrschule in Krampnitz..
“Das Königlich Preußische Militär-Reitinstitut unter seinem damaligen Chef, Excellenz von Festenberg und Pakisch, war die Hochburg der Reiterei, welche auf dem Boden der klassischen Überlieferungen nach der Reitinstruktion für die Kavallerie vom 3.März 1882 von bewährten, z.T. berühmten Reitlehrern solchen Schülern übermittelt wurden, die von den Regimentern als talentiert genug und geeignet ausgewählt wurden. Von jedem preußischen und württembergischen Kavallerieregiment und von jeder Feldartillerie Brigade der Armee wurde ein Leutnant oder Oberleutnant für zwei Jahre nach Hannover kommandiert. Die im ersten Jahr Kommandierten hießen die „dummen“ Einjährigen, die vom zweiten Jahr die „Zweijährigen“.
Jeder Schüler brachte vom Regiment ein Chargenpferd und ein eigenes Pferd resp. der fahrende Feldartillerist ein Dienstpferd und den Burschen mit. Man suchte sich im Sommer vor Antritt des Kommandos in der Reitschulgegend (Vahrenwald) eine Wohnung mit Stall, die man meistens vom Vorgänger aus Regiment oder Brigade übernahm, und trat am 1. Oktober mit geschwellten Segeln auf dem Paroleplatz des Militär-Reitinstituts im vollen Waffenschmuck an, um Dienstanweisung und Dienstplan entgegenzunehmen.
Die Farbenpracht und Mannigfaltigkeit all der hundertundzwanzig verschiedenen Uniformen und jungen, drahtigen Reitergestalten war wohl ein einmaliger Anblick, und das Bewußtsein: „Dazu gehörst du nun auch“, ließ wirklich das Herz höher schlagen.“ ...
„Das Militär-Reitinstitut bestand aus der Offizier-Schule unter Oberst Brecht und der Kavallerie-Unteroffiziersschule unter Major von Krosigk, später Major von Frankenberg und Ludwigsdorf.
Die „Einjährigen“ wurden eingeteilt in Kürassier-, Ulanen-, Dragoner- und Husarenabteilungen zu je sechzehn Schülern, die Jäger zu Pferde und Feldartilleristen wurden verteilt. So kam ich zur Husarenabteilung des sehr gestrengen Rittmeisters Freiherr von Wrangel (Kür. 3) und damit in eine mehr als harte, aber außerordentlich lehrreiche Schule.
Sitz und wieder Sitz sowie peinlichst genaue Bahndisziplin wurde mit uns Einjährigen auf drei Pferden täglich bis zur buchstäblichen Erschlaffung exerziert – natürlich zunächst ohne Bügel. Es war so, daß wir uns nach den vier Reitstunden gleichsam an den Chausseebäumen nach Hause zogen. Dabei waren wir doch alle im vollsten Training, zumindesten ich. Aber die Strenge unseres kleinen trockenen Kürassier-Rittmeisters, die auch nicht den kleinsten Fehler durchließ, stellte die härtesten Anforderungen an eine wenn auch noch so große Passion. Nach der alten Reitinstruktion wurden die besonders komplizierten Übergänge von einem Seitengang zum anderen sowie der Handwechsel in allen seinen Möglichkeiten, das Eckenpassieren des geraden oder im Seitengang abgestellten Pferdes bis zur Erschöpfung geübt. Die Abstände der Abteilung von sechzehn Pferden durften nirgends auch nur einen halben Schritt zu klein oder zu groß sein – ewiges Abschreiten derselben und ewige Wiederholungen, bis es überall klappte, brachten einen fast zur Verzweiflung.“ ...
Wrangels Tollpunkt war die „ehrliche Hand“. Jedes Herunterdrücken oder seitwärts nach außen Drücken namentlich der inneren Hand brachte ihn zum Weißglühen. Beide Hände mußten getragen werden und mit der Trense allerfeinste, stete stille Verbindung mit dem Pferdemaul haben. Wehrte sich das Pferd gegen den Zügel nach oben, so mußte die Hand über das Maul nach oben steigen, während die treibenden Sitz- und Schenkelhilfen stärker einsetzten und das Pferd veranlaßten, gegen den nach oben wirkenden Druck des Gebisses sich nach unten zu wehren – in entgegengesetzter Richtung des Druckes. Aus diesem anfänglichen Wehren mußte dann das feine Reitergefühl ein weiches Sich-Strecken erreichen, natürlich bei seinem ersten Anzeichen wieder mit der Hand abwärts – vorwärts mitgehen.
Tiefstes, flaches Knie, tiefer Absatz und stets unbedingt im Sattel bleibendes Gesäß, ständig elastisch angespanntes Kreuz und fein schwingende Hüften bei aufrechter Kopfhaltung und elastisch federnden Schultern, Ellbogen und Handgelenken erreichten eine so gleichbleibende, geschlossene, federnde Verbindung des Reiters mit dem Pferde, daß ein Nachgeben im Genick und Rücken die automatische Folge war. Meistens wurde im versammelten Trabe oder Galopp gearbeitet. Zu selten nur wurden wurden Reprisen in freien Gängen eingelegt, so daß die Entwicklung des Schwunges nicht genügte. Fühlte man diese Fehler im System heraus und vermied sie bei der eigenen selbständigen Arbeit, so hatte man unfehlbar gelernt, das volljährige Pferd auf die Grundlage zu bringen.
Sehr viel schwieriger als bei den gutgerittenen Stammpferden der Offiziersschule gestaltete sich diese Dressurmethode bei den mitgebrachten Dienst- und vor allem den mehr oder weniger ungerittenen eigenen Pferden.
Mit diesen habe ich oftmals manchen Kummer erlebt.“
Ich möchte die Aufmerksamkeit der Leser auf die enorme Bedeutung lenken, die das Militär-Reitinstitut der Entwicklung des Sitzes und der Präzision der Hufschlagfiguren, sowie der Abstände innerhalb der Abteilung beimaß. Sechzehn Reiter ist eine recht große Abteilung, was das genaue Einhalten der Abstände sehr schwierig macht. Es erfordert vollkommene Beherrschung des Tempos und der Trittlänge des Pferdes. Das Abteilungsreiten fördert das Gefühl des Reiters für Tempo und Trittlänge, sowie für die Hufschlagfiguren viel mehr als das Einzelreiten. Das Gleichmaß des Tempos und der Trittlänge hilft dem Reiter, das Gleichgewicht zwischen Vorhand und Hinterhand zu erzielen, während das Reiten präziser Hufschlagfiguren das Pferd geraderichtet und zu eine gleichmäßigen Gewichtsverteilung zwischen der linken und rechten Körperhälfte führt. Gemeinsam bilden beide Kategorien das Fundament für Losgelassenheit, die leichte, stete, gleichmäßige Anlehnung, Schwung und Versammlung, d.h. die gesamte weitere Ausbildung. Heutzutage existieren solche Schulen leider nicht mehr, was mit ein Grund dafür ist, daß die Anzahl guter Reiter sich in den letzten Jahrzehnten ständig verringert hat.
Ich finde von Wrangel’s Methode, die Bürkner kurz skizziert, sehr interessant. Sie unterscheidet sich sehr stark von dem, was man heute für gewöhnlich mit “deutscher” Dressur bezeichnet. Er insistierte auf einer feinen Anlehnung am Zügel, die nur soviel Gewicht aufnimmt, wie das Pferd dem Reiter in die Hand legt, nicht mehr und nicht weniger. Es war den Reitern offenbar nicht erlaubt, mit einer schweren Anlehnung zu reiten, die das Gewicht des Pferdes trägt, da dies für ein Soldatenpferd ausgesprochen unpraktisch wäre.
Die Korrektur für das über den Zügel Gehen des Pferdes war nicht ein Herunterzwingen des Kopfes, wie das heutzutage so weit verbreitet ist. Stattdessen wurden die Reiter instruiert, ihre Hände hochzunehmen, so daß das Pferd sich in einer Art Abwehrbewegung vorwärts-abwärts strecken, was an die Methode erinnert, die Philippe Karl in seinen Büchern beschreibt. Es scheint damit so, daß der Unterschied zwischen der französischen und der deutschen Reitweise vor hundert Jahren geringer war als heute.
Scheuen Sie sich nicht, mir Fragen und Kommentare zu schicken.
Thomas Ritter